Traum:
Einen großen Teil der Nacht – also den ganzen Tag über, bis jetzt – habe ich im Tonstudio gewerkelt und gar nicht bemerkt wie die Zeit vergeht. Es war ein erfüllter Tag, der mich mit Zufriedenheit erfüllt.
Zu dieser Abendstunde erreiche ich die Innenstadt, den Opferplatz Opernplatz, und gehe auf ein Gebäude zu, wo eine Veranstaltung stattfindet. Es ist ein altes Gebäude – ein Religionshaus, ein Schauspielhaus, ein Lichtspielhaus – mit einer großen Außentreppe, die bis zum ersten Stockwerk führt. Einige Besucher treten dort oben gerade aus der Tür, um während der Pause die laue Sommernacht zu genießen.
In meiner linken Hand halte ich meine kleine Djembe, die ganz lose von einer weißen Papiertüte umhüllt ist. Es ist noch nicht an der Zeit, sie auszupacken. Das Trommelfell halte ich zum Haus gerichtet. Obwohl noch von der Tüte umgeben, tönt und schwingt die Djembe deutlich hör- und spürbar. Eine Frau und zwei schwarze Musiker kommen die Treppe hinunter. Wir alle scheinen uns zu kennen. Sie kommen direkt auf mich zu. Die beiden Schwarzen deuten eine kleine Verbeugung an und schließen kurz respektvoll die Augen, als wir uns die Hand geben. Die Frau sagt verwundert lächelnd: „Sie tönt ja schon?!“
„Ja, sogar ohne mein Dazutun!“
„Die Veranstaltung hat noch gar nicht begonnen, es ist noch Zeit“ meint die Frau.
„Aber ja, ich weiß!“
Ohne dass ich etwas dazu beitrage, tönt und schwingt die Trommel immer nachhaltiger und erzeugt sogar erste Trommelrhythmen. Nach der Pause wird der Gospelchor singen. Ich bin neugierig... Wenn die Trommel schon hier draußen so sensibel auf die leisen Töne reagiert, wie wird sie sich dann erst im Innern des Hauses verhalten wo die Räume von Klängen und Gesang erfüllt sein werden?
Das ist so neuartig, so unerwartet, dass ich keine Vorstellung und keine Erwartung habe, außer der Erwartung gleich eine Erfahrung zu machen. Und sei es die Erfahrung, dass nichts Nennenswertes geschieht. Angenehme Offenheit.
Traum:
In einem Nebenzimmer setze ich mich auf einen Stuhl und warte ab. Ein kleines Ereignis wird stattfinden. Rechts neben mir sitzt ein unbekannter Mann, mit dem ich während der ganzen Zeit nicht in Kontakt kommen werde.
Vor uns steht bereits das Instrument, das bei diesem Ereignis die Hauptrolle spielt: ein Hammered Dulcimer. Es ist ein interessantes Teil! Offensichtlich zusammenklappbar wie ein Campingstuhl. Der Korpus besteht – ich traue meinen Augen kaum! – aus einem Material, das an graue Eierpappe erinnert. Das Instrument spielt von ganz allein. Liebliche Klänge erfüllen den Raum. Ich schaue und schaue, kann es kaum glauben. Bin auch nicht sicher, ob es wirklich Eierpappe ist. Im Augenblick kommt es mir vor, als sei ein frühlingsgrün-gelbes Material aus Kunststoff. Mehrmals verspürte ich bereits den starken Impuls, es zu befühlen und nun kann ich nicht widerstehen... Wow, es ist tatsächlich so etwas wie Eierpappe! Welch ein origineller Einfall, ein Instrument daraus zu bauen! Da das ganze Ding total leicht ist, sorgte meine Berührung – wirklich nur mit den Fingerspitzen! – dafür, dass das Instrument deutlich aus dem Takt kam. Kurz befürchte ich sogar, die Klöppel könnten zu Boden fallen. Ein paar Sekunden bete ich kräftig, das Instrument möge wieder seinen Rhythmus finden, damit es nicht auffällt, dass ich so neugierig zugegriffen habe. Ich habe Glück, denn es klingt wieder ganz harmonisch. Da kommt schon der Musiker in den Raum. Ganz begeistert und voller Anerkennung, und natürlich seine Bestätigung erwartend, sage ich: „Das ist aus Eierpappe hergestellt?!!“
Herablassend, naserümpfend, ohne mich eines Blickes zu würdigen, antwortet er: „So könnte man es vielleicht sagen...“ Er lässt mich deutlich spüren, dass ich keine, aber auch wirklich keine Ahnung habe!
Traum:
Vor mir steht ein Wäscheständer. Auf seinen Wäscheleinensaiten liegt mein Schellentamburin, auf dem ich trommele, als sei es eine Djembé. Dabei rasseln die Schellen auf den Saiten und bringen diese in klingende Schwingung. Voller Freude trommele ich, schlage zwischendrin auch die Wäscheleinensaiten an, die ganz unerwartet so wundervoll klingen! Es ist so überraschend schön anzuhören, dass es mich völlig in seinen Bann zieht und ich alles um mich herum vergesse. Es ist nicht so einfach zu spielen, denn das Tamburin hüpft auf den Saiten herum und droht mehrmals zwischen diesen zu Boden zu fallen. Aber welch wunderbare Klänge...
Mike kommt hinzu, nimmt diese Sache nicht so ernst, wie ich es inzwischen tue, und schlägt mir ein paar Mal dazwischen, auf das Tamburin. Das bringt mich völlig aus dem Rhythmus. So sehr ich mich im Anschluss daran auch mühe, wieder hineinzufinden, es gelingt mir nicht einmal ansatzweise. Die schönen Klänge lassen sich einfach nicht mehr erzeugen. Ich bin sehr enttäuscht!
Notiz:
Moina träumte diese Nacht: Da war eine Trommel, die sprechen konnte. Sie bekam ein Baby und ein Kind.
Ort: Ein weitläufiges Haus, evtl. Winkelform, viel Naturholz, aufgeräumt und sauber. In diesem Haus wohne ich offensichtlich seit einiger Zeit.
Es gibt Unruhe im Haus. Eine lebenslustige Frau, eine junge Vierzigerin, ist eingetroffen und wird eine Weile zu Gast bleiben.. Wir machen uns für den Abend fertig. Heute wollen wir Tanzen gehen, und ich freue mich drauf. Die lebenslustige Frau sieht richtig gut aus. Sie ist superschlank und macht in ihren Klamotten eine gute Figur. Sie leiht sich ein paar Klamotten von mir, da sie nicht viel im Gepäck hat. Gerade zeige ich ihr eine Bluse – ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob sie schwarz oder weiß war. Sie hängt an einem Kleiderbügel, den ich hochhalte, mit fragendem Blick und einem leichten Gefühl der Unsicherheit. Diese Bluse ist schon etwas älter. Vielleicht gefallen die schrägen Biesen nicht so. Ihr Freund ist auch präsent, wenn auch nicht körperlich, aber so doch seine Meinung. Gut, die Bluse gefällt ihr und ihm, sie trägt sie schon. So hole ich eine Hose aus dem Kleiderschrank – in meinem früheren Kinderzimmer – und biete ihr diese an. Nein, das sei nicht nötig, mit ihrer Hose sei sie zufrieden. Sie trägt eine enge Röhrenjeans mit unregelmäßigem Streifenmuster in hauptsächlich Schwarz mit Grau. Ja, sie schaut gut aus. Welch eine Hose habe ich hier eigentlich in den Händen? Ah so, es ist eine schwarze Hose mit Kellerfalten im Bereich der Wade. Na, die wäre der Frau sowieso etwas kurz gewesen. So sieben Achtel vielleicht.
Aufbruch und eine Bahnfahrt. Unterwegs muss ich einmal umsteigen und bemerke erst jetzt, dass ich meine Umhängetasche irgendwo liegen lassen habe. Oje, da ist mein Portemonnaie drin! Ach herrjee, und meinen Koffer habe ich mindestens eine weitere Station früher zurückgelassen. Ich habe gar nichts mehr bei mir. Sogar einen meiner Schuhe habe ich verloren. Ich hatte High Heels aus hellbraunem Leder, nahtlos verarbeitet, mit nach unten zulaufendem spitzen Absatz angezogen. So laufe ich, mit einem Schuh an den Füßen, zurück, um meine Umhängetasche an mich zu nehmen. Hoffentlich ist mein Portemonnaie noch drin!
Ich habe Glück, bin erleichtert, das Geld ist noch da. Umgehend mache ich mich auf den Heimweg und stehe vor meiner Haustür. Die lebenslustige Frau öffnet mir und ist sehr erstaunt über meine Rückkehr. Während ich eintrete, stelle ich meine Umhängetasche ab und greife nach wenigen Schritten zielstrebig unter ein kleines rundes Beistelltischchen, das hier im Flur steht. Da drunter nämlich hat sich mein zweiter Schuh verfangen. Ich hatte ihn hier verloren. Den Schuh hochhaltend, verkünde ich: „Mit nur einem Schuh brauche ich nicht tanzen gehen; das macht ja keinen Spaß.“ Die lebenslustige Frau zeigt sich überrascht, geht zurück ins Haus, wo sie es sich mit einer Freundin gemütlich gemacht hat. Sie wartet auf ihren Freund, der sie sicherlich schon bald zum Ausgehen abholen wird.
Im Esszimmer. An dem ovalen Tisch aus Kirschbaumholz sitzt die Lebenslustige. Ihr gegenüber sitzt eine Erwachsene, die durch Moina repräsentiert wird. Die beiden Frauen spielen chinesisches Schach. Anstelle der üblichen Schachfiguren liegt einige Buntstifte beisammen auf den jeweiligen Feldern des Schachbretts. Je nach Bedeutung der Schachfigur, die durch die Buntstifte repräsentiert werden, sind es mehr (stark) oder weniger (schwach) an der Zahl. Überwiegend sind es Buntstifte aus edel schwarz lackiertem Holz. Vereinzelt dazwischen Stifte in Gelb, Rot und Weiß. Die Lebenslustige ist am Zug und ich schaue interessiert zu, um die Spielregeln zu ergründen. Ihr Zug ist unerwartet! Eigentlich hätte es ein Rösselsprung sein müssen, aber sie hüpft mit ihrem Buntstiftbündel über jede einzelne Buntstiftfigur und sammelt diese dabei ein. Jedes Überspringen einer Buntstiftfigur ist mit einem Gewinn gleichgesetzt. Jedes Mal entsteigt dem Schachbrett nämlich ein Kleidungsstück. Es sind neue Klamotten, die die Lebenslustige am Vormittag besorgt hatte. Schicke Sachen, und alle fallen relativ klein aus: Konfektionsgröße 32. Alles ist nach dem Geschmack und Format der Lebenslustigen. Und sie heimst ja auch eines nach dem anderen ein. „Hey, Du hast ja wohl auf Gewinn gesetzt, als Du einkaufen warst?!“, rufe ich ihr zwinkernd zu. Es ist wohl eindeutig, dass sie alle Kleidungsstücke für sich ausgewählt hat. Weder Moina, noch ich, noch die anderen unerwähnten Mitspieler würden in die schmalen Teile passen. Okay, wieder entsteigt ein Rock dem Schachbrett; er ist aus weichem Jersey mit weichem Gummizugbund, in Grün- und Türkistönen, wunderbar und man könnte sagen, dass dieser uns allen passen könnte. Aber ihr passt er auch! Erst ist sie eingeschnappt, als ich das so laut ausspreche, dann aber zeigt sie sich gleichmütig und sagt nicht ein Wort zu ihrer Verteidigung.
Da kommt ihr Freund! Er ist etwa in meinem Alter, total nett, humorvoll und aufgeschlossen. Manchmal lacht er mir schelmisch zu. Wie ein guter Kumpel ist er und ich würde mich rundum wohl mit ihm fühlen, wenn er mir nicht so tiefgründende Fragen stellen würde. Mir fehlt es nicht an Antworten, aber seine Fragen berühren sachte meine Schattenthemen – zumindest erkläre ich mir das so, da ich das Antworten als etwas anstrengend erlebe. Naja, aber gleich wollen die Frau und er ja Tanzen gehen.
In einem Nebenzimmer steht ein langer Tisch, dessen Kopfende an einer Wand mit Panoramafenstern mündet. Keine Vorhänge oder Gardinen verwehren den Blick hinaus. Durch die Fensterscheiben sehe ich das Dunkel der Nacht und am Rande wenige Spiegelungen auf dem Glas. An dem Tisch sitzt ein Mann mit Cowboyhut; der Freund der Lebenslustigen. Sein Stuhl steht direkt am Fenster. Ich setze mich an seine linke Seite. Er sitzt mir gegenüber am Tisch und schaut mich lächelnd an. Auch wenn es sich so liest, als sei er zweimal im Raum, so ist er nur einmal präsent; dies aber gleichzeitig an beiden Plätzen. Er spielt Gitarre und Musik erfüllt den Raum. Ah, das Stück kenne ich! Mit rauchiger Stimme und aus voller Brust singe ich mit. Es macht mir nichts aus, dass ich den Text kaum mehr kenne. Meist ist es nur ein Wort in jeder Zeile. Ich spüre total viel Freude beim Singen. Dem Mann gegenüber am Tisch rufe ich vergnügt zu: „Das ist ‚Am Fenster’! Von ‚City’!!“
Meine Wahrnehmung wandert nach rechts, zu dem Mann neben mir und ich überlege, dass ich ihm das eigentlich gar nicht sagen müsste. Er kommt doch aus dem Osten und dürfte das sicherlich von früher kennen. Hmm hmm, ich bin allerdings gar nicht sicher, ob das eine Ost-Band war. Naja, ist auch egal; ist’n geiler Song und ich singe immer weiter. Der Mann neben mir korrigiert manches Mal meinen Gesang: Ich mache mir mit der zweiten Liedzeile halt immer einen Reim auf die erste Zeile, aber das Reimwort ist nicht immer das zum Liedtext gehörende. Das ist so lustig, immer wieder muss ich lachen; es ist einfach herrlich. Der Mann grinst verschmitzt und schaut mich wohlwollend an – trotz meiner Fehler. Und da, wieder: „Lalala lalalala... wenn wir uns wiederverstehen!“, singe ich laut und ich registriere den rauchigen Klang. Schlampenstimme, denke ich vergnügt.
Lachend sagt der Mann: „Es heißt ‚wenn wir uns wiedersehen’.“
Ach ja, stimmt! Wieder lache ich und erkläre: „Unbewusst singe ich immer das, was ich wirklich sagen möchte!“ Dadada… mein Körper tanzt innerlich auf dem Stuhl.
Traum:
Irgendwo an einem belebten Ort. Vor mir steht ein leerer Wäscheständer. Mit zwei großen Klöppeln spiele ich auf den gespannten Wäscheleinen. Zumindest finde ich mich in dieser Situation wieder, als ich aufwache. Wachgeworden bin ich vermutlich von der guten Resonanz auf mein Spiel; den Leuten gefällt es. Es ist ja immer toll, wenn man etwas macht, und andere das dann gut finden. Das bringt mich auf eine Idee! Ich könnte mein altes Keyboard raussuchen, es auf den Wäscheständer stellen und darauf herumklimpern. Aber nee nee, das war ja ein billiges Teil... Jeder würde das sofort bemerken und sich voller Verachtung abwenden. Das lasse ich mal besser sein. Schade ist es trotzdem, denn die Idee gefällt mir immer noch. Während meiner Überlegungen verwandeln sich die Klöppel in meinen Händen in Gasfeuerzeuge, die einem Zündholz nachempfunden sind. Diese sind 30 cm lang, aus schwarz lackiertem Metall gefertigt und haben einen dicken, knallrot lackierten Zündkopf. Diese Zündköpfe verwandeln sich inzwischen in Klemmen, wie ich sie von einem Starthilfekabel kenne. Ehe ich mich versehe, klemmen sie sich an die Wäscheständersaiten. Boah, das wandelt sich ja alles so schnell – ich komme kaum mit!
Der Versuch, dem Geschehen zu folgen, lässt mich aufwachen.
Traum:
Im Erdhügel-Kindergarten – kurz vor der Aufnahme neuer Kinder. Die Kinder singen und tanzen im Kreis, sich an den Händen haltend. Dicht gedrängt, im Gang, stehen viele Erwachsene in dunklen Anzügen. Der dunkle Trommler erscheint; ebenfalls – das ist ungewöhnlich – mit einem dunklen Anzug bekleidet. Der Trommler sieht heute kleiner aus, als ich gewohnt bin; erinnert vage an einen Ausbilder. Er trägt Rastazöpfe – selbstverständlich. Im Augenblick des Erkennens hebe ich meine Hand zum Gruß und nicke ihm erfreut zu. Er strahlt, grüßt zurück und tritt durch die bereits geöffnete Tür in einen Raum. Schon bald gehe ich hinterher.
Auch dieser Raum ist dicht gedrängt voller Menschen in dunklen Anzügen – sie haben etwas Jüdisches an sich. Die Veranstaltung beginnt. Der Trommler steht im Mittelpunkt des Interesses. Er winkt jemanden herbei, der bei der Vorstellung mitwirken soll. Anfangs fühle ich mich aufgefordert; weil auch ich Rastazöpfe trage. Stelle alsbald fest, dass ich gar nicht gemeint war – jedenfalls nicht ausdrücklich. Nun stehe ich aber bereits bei dem Trommler und er sagt, es sei okay. Mir ist dieser kleine Irrtum ziemlich unangenehm.
Ich stehe in der Ecke, mit gesenktem Kopf, und schäme mich – etwas übertrieben in Szene gesetzt, die feuchten Lippen vorgestülpt, wie ein Weinen unterdrückend. Meinem Empfinden nach ist dies zu Ehren des Schamgefühls in Szene gesetzt. Forschend streift mein Blick die Gesichter im Publikum. Alle schauen mich an. Eine an sich beschämende Situation; oh Schande! Genau so ist es vom dunklen Trommler gewollt – dieser Showeffekt soll vor allem als Lehrstück dienen. Ich finde, ich mache meine Sache gut. Mein Schamgefühl ist glaubhaft, wenngleich mir bewusst ist, dass ich mich kein bisschen damit identifiziere. Aus diesem Grund sind die auf mich gerichteten Blicke auch nicht unangenehm, sondern einfach nur interessant. Nebenbei bemerke ich den stillschweigenden Mann, der links hinter meinem Rücken steht. Vermutlich ist das der Mann, den der Trommler vorhin tatsächlich zum Mitmachen aufforderte.
Zu dieser Aufführung singt der Trommler ein Lied, das genau davon handelt; vom Schamgefühl Unschuldiger, die von der Masse begafft werden, wodurch erst Schande auf sie fällt. Ein Lied, das zum Nachdenken anregen soll; das bewusst machen soll, dass wir manchmal allein durch unser Verhalten Menschen ausgrenzen. Der Trommler singt es mit ergreifend melodischer Stimme und aus vollem Herzen – berührend.
Dieser Raum hier ähnelt einem alten Bahnhofslokal. Links von mir hängen vier Utensilien an der dunklen Holzwand – vielleicht zum Zubereiten von Mixgetränken. Alle sind ganz eigen geformt; gemeinsam ist ihnen ein spiralförmiges Element. Dem Trommler genügen zwei dieser Geräte. „Weiter“, fordert er auf und ich muss mal sehen, welches von den vier Teilen er gemeint hat.
Nach diesem Auftritt gibt es sehr viel Freude unter den Menschen, die sich in lautem Beifall ausdrückt. Es ist sehr bewegend.
Dann sind alle gegangen. Ein Ehepaar im Seniorenalter bleibt im Hauptraum des Speiselokals zurück. Sie saßen an einem Tisch am Fenster. Der Mann hat den Betrag für das Essen bereits auf den Teller mit der Rechnung gelegt – Trinkgeld inklusive – und ist zur Toilette gegangen. Seine Frau spricht den Trommler an; bekundet ihre Begeisterung. Ich stehe direkt bei ihnen und überlege, den Tisch abzuräumen. Mir ist mit diesem Vorhaben nicht ganz wohl, denn schließlich will ich das Trinkgeld unangetastet lassen. Wie leicht könnte ich es aber während der Arbeiten vom Teller rühren, so dass es zwischen dem gebrauchten Geschirr abhanden kommt?!
Der Trommler freut sich sehr über die Begeisterung der Frau, die gerade sagt: „Ich will Sie noch einmal sehen!“
Er antwortet: „Ein Mann kann niemals so schön ‚Traubensaft’ singen wie eine Frau!“ Dabei singt er das Wort ‚Traubensaft’ so melodisch und geradezu überirdisch schön, dass ich ihm spontan zustimmen möchte. Nur vage dringt dabei in mein Bewusstsein, dass er ja ein Mann ist und es so wunderschön singt, dass es auch von einer Frau kaum zu überbieten wäre.
Die Frau sagt: „Ich will Sie unbedingt noch einmal sehen und hören!“
„Oh“ antwortet der Trommler, nun etwas überrascht, „Sie wollen nach Paris kommen? Wenn Ihnen das gelingen will... Da müssen Sie die Route aber sehr genau kennen!“
Traum:
Im Halbdunkel. Nun, nach den Ferien, wird der Musikunterricht mit Victor fortgesetzt. Ich ergreife ein Instrument und wiederhole das Erlernte. Ganz selbstverständlich schiebe ich die Finger unter die Griffe zweier Topfdeckel aus Aluminium. Dann schlage ich die Deckel gegeneinander; es geht ganz gut – das nenne ich Trommeln. Dann streife ich zwei rosa Gummihandschuhe über und mache weiter. Ab diesem Augenblick will nichts mehr gelingen – die Klänge zerfallen, noch ehe sie Raum nehmen können.
Bald darauf stehe ich mit einigen Teilnehmern zusammen. Die Gespräche drehen sich um das Erreichte und aktuelle Interessen. Es bereitet große Mühe, mich an diesen Gesprächen zu beteiligen. Es ist so, als erlahme meine Kraft, sobald ich mich mitteilen möchte.
Traum:
Während meiner Arbeit in einem noch unbekannten Bioladen. Im Halbdunkel sortiere ich Tuben mit Pflegecreme für fettige Haut in ein Holzregal. Es wundert mich etwas, denn ich kenne es eher so, dass es ein reichhaltiges Sortiment für die reifere Haut gibt, aber kaum etwas für jüngere, fettige Haut. Diese Creme stellt eine Erweiterung dar, die ich gutheiße, aber dennoch als etwas anstrengend erlebe, ohne dies weiter begründen zu können.
Im Personalraum. Moina und ich sind gerade eingetroffen. Meine neue Chefin – die Ehefrau des Röntgenarztes – überreicht mir einen roten und einen schwarzen Schminkstift. Sie sagt, es sei Bedingung, uns damit zu schminken. Ich könne das allerdings ganz nach Belieben ausführen. So beginne ich mit Moinas Gesicht, röte ihre Lippen und ziehe eine schwarze Konturlinie. Unter der Nase/am Kinn bemale ich eine Fläche rot und umgrenze sie teils mit Schwarz. Moinas Mund sieht aus, als habe er einen Schmutzrand. Ich wische die schwarze Konturenlinie wieder fort. Dann schaue ich mir ins Gesicht. Ein Hauch von Schwarz liegt auf den Lidrändern. Auf den Lippen eine kaum wahrnehmbare Spur von der roten Farbe. Es ist kaum zu erkennen; so hoffe ich, dass es trotzdem für die Chefin okay ist. Gleich am ersten Arbeitstag will ich es mir schließlich nicht mit ihr verderben.
Also an die Arbeit. Kunden sind derzeit nicht zu bedienen. Ich könnte das Kühlregal auffüllen. Hm, allerdings kann ich von hier nicht genau erkennen, was fehlt. Der Verkaufstresen – die Chefin steht dahinter – verwehrt einen Teil der Sicht. Mir fällt es wieder ein: nur ja keinen Weg mit leeren Händen gehen! Also den Grips anstrengen…Im Lager schaue ich mich um, was überhaupt noch auf Vorrat ist. Auf einer Ablage liegt Brot in Folie. Zwei Vollkornquarkzöpfe liegen auf dem Holzbrett. Ich frage die Kollegin an meiner Seite, ob es hier immer Brot auf Vorrat gibt und erfahre, dass es so üblich ist. Das gefällt mir. Mit dem Quarkzopf gehe ich zurück in den Verkaufsbereich und lege ihn schließlich ins Regal. Der Teigzopf ist ganz weich, aber mit beiden Händen genommen bleibt er heil.
Tja, was nun? Es sind immer noch keine Kunden im Laden. Die Chefin bittet mich und einige männliche Kollegen nach vorne in den Probenbereich. Wenn keine Arbeit ansteht und keine Kunden im Laden sind, wird die Zeit immer für Proben genutzt. Wir sitzen auf Holzklötzen verteilt und ich höre die Männer singen: A cappella! Anfangs dachte ich, Instrumente zu hören. Bald singe ich verhalten mit – leise nur. Vor meinen Füßen liegt ein Berg mit Wanderschuhen und derbe Stiefeln. Es geht darum, sich die stimmigen Stiefel zum Gesang überzustreifen. Je nach Schuhwerk verändert sich auch der Klang der Stimme – es muss zusammenpassen. So probiere ich zögernd, während der Gesang der Männer immer lauter wird. Nun erkenne ich auch, was sie singen: ein Feuerwerk! Ein Feuerwerk, das sich langsam seinem Höhepunkt nähert. Nanu, warum ein Feuerwerk? Gibt es einen Anlass? Es macht Spaß ein Feuerwerk zu singen, ich werde mutiger und lauter, lasse Töne zwischen den Lippen knallen und brisseln, zischen und knallen! Erstaunlich, wie viele Variationen und Nuancen gesungen werden können. Es zischt und pfeift, schneller, immer fülliger – ein gesungenes Feuerwerk.
Als es vorüber ist, setzt sich die Chefin nah bei mir auf das Podest und erzählt in die Stille hinein, wie wichtig es sei, im richtigen Moment aufzuhören. Und während sie sich ganz sorgfältig und langsam eine Haarsträhne hinter das Ohr schiebt, sagt sie, dass sie früher öfter ihre Eltern gefragt habe: „Krieg ich noch zwanzig Mark?“ Wenn man das immer wieder macht, immer mehr will, dann macht das süchtig. Dem stimme ich zu.
Ich bin ganz begeistert davon, wie in diesem Bioladen mit Leerlaufzeiten umgegangen wird.