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Alkohol und Opium

25
Aug
2006

Ist Sucht eine Erfindung der Moderne?

Zur Geschichte von Opium und Alkohol
und der Entwicklung des Wortes ‚Sucht’


Vorgelegt als Diplomarbeit
Frankfurt am Main
Sommer 1999

© 2006 Michael Masters

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Themenfindung - Aufgabenstellung - Methodik - Literatur


1. Kapitel - Zur Geschichte von Opium

1.1 Die Antike
1.1.1 Griechenland - Die Heimat im östlichen Mittelmeer
1.1.2 Rom - Das Gegengift und der Philosophenkaiser

1.2 Das Mittelalter
1.2.1 Christentum und Islam
1.2.2 Die Schule von Salerno

1.3 Der Orient
1.3.1 Berichte östlicher Ärzte um 1000
1.3.2 Berichte westlicher Reisender um 1600

1.4 Die Neuzeit
1.4.1 16.Jahrhundert - Gelobtes Laudanum
1.4.2 17.Jahrhundert - Enthusiasmus und Vorsicht
1.4.3 18.Jahrhundert - Deutliche Entzugserscheinungen

1.5 Die Moderne
1.5.1 19.Jahrhundert - Neue Bezeichnung: Opiumsucht
1.5.2 Ausklang - Morphium und Heroin



2. Kapitel - Zur Geschichte von Alkohol

2.1 Beschreibungen von vormodernen Alkoholismusformen
2.1.1 Überblick
2.1.2 Antike
2.1.3 Mittelalter und Neuzeit
2.1.4 Zusammenfassung

2.2 Der Kampf gegen Alkohol und Trunksucht

2.2.1 Die Pioniere - Rush und Trotter
2.2.2 Die Romantiker - Hufeland und Brühl Cramer
2.2.3 Die Erbbiologen - Wege zur Prohibition
2.2.4 Die Angestellten - Ein neuer Lebensstil


3. Kapitel - Etymologie und Entwicklung des Wortes Sucht

3.1 Gemeingermanisches Wort und indogermanische Wurzel – Magie und Krankheit
3.1.1 Wort und Wurzel
3.1.2 Der magisch dämonische Charakter des Wortes
3.1.3 „Sucht - Heil“ versus „Krankheit - Gesundheit“
3.1.4 Kleiner europäischer Sprachvergleich
3.1.5 Nebenbedeutung Gemütskrankheit

3.2 Der erste Bedeutungswandel um 1500 – Die Dämonen des Bürgertums
3.2.1 Die Wende zur Neuzeit
3.2.2 Geld, Blut und Lust
3.2.3 Würfelspiel, Fressen und Saufen
3.2.4 Adelstugend - Bürgersünde
3.2.5 Sonderfall Eifersucht
3.2.6 Zeittypische Prägungen

3.3 Der zweite Bedeutungswandel um 1800 – Die Büchse der Pandora
3.3.1 Romantik, Sehnsucht und Suchen
3.3.2 Ein Fachbegriff entsteht
3.3.3 Die modernen Dämonen


Schlussteil

Erklärungen - Ergebnisse - Einschätzungen
A Medizin und Devianz (unter anderem zu Kapitel 1)
B Die bürgerlichen Werte (unter anderem zu Kapitel 2)
C Das autonome Individuum (unter anderem zu Kapitel 3)

ANHANG

- Materialsammlung
Sekundärquellenverzeichnis
Literaturliste

Wie ich auf dieses Thema kam

EINLEITUNG

Wie ich auf dieses Thema kam

Als ich während meines Studiums die Entscheidung getroffen hatte, im Theorie-Praxis Bereich das Projekt ‚Drogen & Sucht’ zu belegen, kaufte ich mir, quasi zur Einführung, das Buch „Sucht“ von Sebastian Scheerer.

Was ich dort schon im ersten Kapitel las, erstaunte mich nicht wenig. „Da nun Rausch und Ekstase ebenso uralte wie allgemein verbreitete (und wohldokumentierte) Phänomene sind, läge es nahe anzunehmen, daß es auch die Sucht schon immer gegeben habe. Erstaunlicherweise scheint das jedoch nicht der Fall gewesen zu sein. So merkwürdig es klingen mag: Die Menschheit hat während fast ihrer gesamten Geschichte in einer ‚Welt ohne Sucht’ gelebt in einem Zustand und einer Selbstwahrnehmung, die sich erst im Zeitalter der Aufklärung und Industrialisierung radikal änderten und zur ‚Entdeckung’, wenn nicht sogar, wie viele Wissenschaftler sagen, ‚Erfindung der Sucht’ führten.“ (Scheerer 1995:9).

Und weiter: „Entzugserscheinungen waren praktisch unbekannt, und die Vorstellung, daß Menschen unter einem krankhaften Zwang leiden könnten, immer wieder bestimmte Substanzen zu sich nehmen zu müssen, war völlig fremd. Man lebte ... trotz vielfachen und häufig exzessiven Drogenkonsums in einer ‘Welt ohne Sucht’“ (Scheerer 1995:15). Dies gelte sowohl für das seit alters her bekannte Opium als auch für Alkohol.

Warum mich das so erstaunte? Am besten drückt wohl meine Empfindungen Hasso Spode aus: „Die Gewißheit, daß es ‚Sucht’ gibt, gehört zu den Selbstverständlichkeiten des Alltagswissens.“ (Spode 1993a:158) Und ebendort, am Beispiel des Alkoholismus: „Jeder weiß, daß es Alkoholiker gibt. Alkoholiker dies dürfte der kleinste gemeinsame Nenner konkurrierender Auffassungen sein leiden an der Unfähigkeit, ihr Trinkverhalten zu kontrollieren. Eine solche Unfähigkeit ist zweifellos eine Krankheit, man nennt sie Sucht oder Abhängigkeit. Analoge Süchte werden in nahezu unbegrenzter Zahl beobachtet: Tablettenabhängige, Fixer, Mager und Fettsüchtige, Raucher, Workoholics, Spieler und so fort“ (Spode 1993a:158).

Mich beschäftigte vor allem die Aussage von Scheerer, daß trotz exzessiven Gebrauchs von Opium und Alkohol in der Vormoderne Entzugserscheinungen „praktisch unbekannt“ waren. Wie konnte das sein? Auch während meines Praktikums, das ich unter aktiven wie kürzlich entzogenen Drogensüchtigen verbrachte, sah und hörte ich immer wieder von quälenden Opiat-Entzugserscheinungen. Auch von Alkohol hörte ich, daß es kaum weniger angenehme Entzugserscheinungen verursachen kann. (Vgl. Material: AES und OES). Solche Symptome mußte es doch auch vor 1800 gegeben haben, mutmaßte ich und überlegte recht bald, ob ich nicht in meiner Diplomarbeit diese Frage einmal gründlich untersuchen sollte.

© 2006 Michael Masters

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Aufgabenstellung

Diese Arbeit soll ausdrücklich nicht zum Thema haben, was Sucht nun wirklich ist. Sollte ich jemals Illusionen gehabt haben, das ‘wahre Wesen der Sucht’ nun endgültig auf den Punkt zu bringen, so sind diese bald verflogen. Gar zu umfangreich ist die Literatur zu diesem Thema, gar zu vielfältig die Auffassungen der Autoren. Vor allem wollte ich nicht weitere „große, fette Worte ohne viel Inhalt“ hinzufügen, die in der Suchtforschung „eifrig und andauernd“ benutzt würden, nicht weil sie wissenschaftlich brauchbar sind, sondern „weil sie eine soziale Funktion haben“ (eigene Übersetzung, vgl. Bacon 1976:57 und Material: Bacon).

Untersuchen will ich in meiner Arbeit vor allem, ob vor 1800 Entzugssymptome von Opium und Alkohol genauer: morphinhaltigen und ethanolhaltigen Substanzen beschrieben wurden, und welches Problembewußtsein es in Bezug auf diese Substanzen und deren Gebrauch gab. Im ersten Kapitel, „Zur Geschichte von Opium“ gehe ich auch etwas detaillierter auf die Verbreitung von Opium in den einzelnen Epochen ein, weil erst bei einer gewissen Verbreitung ja ein Fehlen von Entzugssymptomen oder Problembewußtsein interessant ist. Zudem scheint mir in der Fachliteratur die Geschichte dieses Rauschmittels oft recht unterbelichtet zugunsten der grellen Scheinwerfer über dem heutigen Heroinproblem vielleicht wegen eines schwerverdaulichen Kontrastes. Da in der sozialpädagogischen Arbeit aber Heroinprobleme nach wie vor eine große Rolle spielen, schien mir eine sachliche Aufhellung der Geschichte der Heroin Grundsubstanz Opium einer wissenschaftlich unvoreingenommenen Betrachtung wie auch der Information von im Suchtbereich tätigen SozialpädagogInnen dienlich. (Zur Vergleichbarkeit von Opium und Heroin siehe auch Kapitel 1.5.2).

Im zweiten Kapitel, „Zur Geschichte von Alkohol“, habe ich dagegen auf die Darstellung der Verbreitung von Alkohol in den verschiedenen Epochen und Kulturen weitgehend verzichtet, vor allem aus Platz und Zeitgründen. Auch über Warnungen vor Weingenuß und gesellschaftliche Kontrollen von Alkohol konnte ich nur einen knappen und generalisierenden Überblick bieten, da der Rahmen der Arbeit sonst gesprengt worden wäre. Etwas genauer bin ich auf besonders auffällige Beschreibungen von möglichen Fällen von Alkoholismus eingegangen sowie von einzelnen Entzugssymptomen in der Zeit vor 1800 (Kap. 2.1).

Im Kapitel 2.2 gebe ich einen kurzen Überblick über die Entstehung der Theorien über Trunksucht ab 1790, und ihren Einsatz in dem darauffolgenden Diskurs über die gesellschaftliche Gefährlichkeit von Alkohol. Auf eine detaillierte Darstellung der einzelnen Suchttheorien mußte ich wegen Zahl und Vielfalt der Theorien weitgehend verzichten.

Im dritten Kapitel will ich einen kleinen sprachwissenschaftlichen Abriß zur Etymolologie und Entwicklung des Wortes ‘Sucht’ im Deutschen geben. Anhand der Wortgeschichte will ich die allgemeine historische Entwicklung von der indogermanischen Zeit bis zur Moderne verdeutlichen, um die Verwendung des Wortes als heutigen wissenschaftlichen Fachbegriff zu verstehen.

Zum Kapitel gehört auch ein kleiner Sprachvergleich der Worte ‘Krankheit’ in anderen germanischen und (Drogen )’Sucht’ in anderen europäischen Sprachen, um zu sehen, wie andere Sprachen den nur dem Deutschen eigenen Fachbegriff ‘Sucht’ übersetzen.

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Methoden

Es handelt sich bei meiner Arbeit im wesentlich um eine kumulative, um eine Sichtung und Sammlung bestehender Arbeiten zu den oben genannten Themen. Diese Arbeiten stammen aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen, und ich habe versucht, nach bewährter interdisziplinärer Manier der Sozialpädagogik die wichtigsten Erkenntnisse aus mehreren Disziplinen zusammenzufassen.

Die wichtigsten Arbeiten stammen aus dem historischen Bereich (vor allem aus der Sozial , Sprach-, Medizin und Pharmaziegeschichte), sowie der Psychiatrie und Suchtforschung. Zur Ergänzung und Erklärung kamen einige Arbeiten aus den Disziplinen Philosophie, Anthropologie und Literaturwissenschaft hinzu.

Ich habe jedoch nicht nur Informationen angehäuft, sondern wollte und mußte sie bei der Fülle auch nach größeren Zusammenhängen auswerten. Dabei habe ich mich meistens auf die wissenschaftlich plausibelsten Bewertungen anderer zu den Einzelthemen gestützt. In einigen wenigen Fällen habe ich auch bisher wenig beachtete Zusammenhänge gezogen, vor allem im sprachhistorischen Kapitel, etwa zur indogermanischen Wurzel des Wortes ‘Sucht’, oder zur semantischen Verknüpfung mit ‘suchen’ und ‘Sehnsucht’.

Ich habe die Form einer größtenteils historischen Arbeit gewählt, weil in der sozialpädagogischen Lehre der historische Blickwinkel auf ein Problemfeld eine allgemeine – und leider oft zu wenig erfüllte – Forderung ist. Auch in der Sucht-Fachliteratur wird der historischen Dimension des Problems meist wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Der Sinn dieser Arbeit aber ist es vor allem, einer der wichtigsten Eigenschaften praktisch tätiger SozialpädagogInnen - der Fähigkeit zur Selbstreflexion - Möglichkeiten zur Ausbildung zu geben. Für eine geglückte Selbstreflexion wäre es sinnvoll, auch die eigenen - kulturell geprägten - Wervorstellungen erkennen zu können, und ihre historisch gewachsene Bedeutung. Da die prägende Kultur für die meisten SozialpädagogInnen und ihren künftigen Arbeitsplatz im weiteren Sinne die des europäischen Bürgertums ist, könnte eine Beschäftigung mit den historisch gewachsenen Werten dieser Kultur m.E. nützlich sein.

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Literatur, Zitierweise, Quellen

Für das erste Kapitel habe ich oft die 1990 erschienene Taschenbuchausgabe von Seefelders „Opium: eine Kulturgeschichte“ benutzt. Matthias Seefelder ist Chemiehistoriker und Honorarprofessor in Heidelberg. Vor allem aber habe ich mich auf Margit Kreutels „Opiumsucht“ gestützt, eine sehr detaillierte und genaue historische Arbeit. Für die Überlassung des Buches danke ich Herrn Professor Happel sehr, da dieses Buch nur schwer erhältlich ist. Frau Kreutel hat das Buch 1987 als pharmaziehistorische Dissertationsschrift verfaßt, es erschien ein Jahr später in einer kleinen Auflage im Deutschen Apotheker Verlag.

Für das zweite Kapitel, ‘Zur Geschichte des Alkohols’, kann ich das Buch von Gregory Austin „Alcohol in Western Society from Antiquity to 1800“ nur sehr empfehlen. Es ist umfassend und gründlich, in den USA ein Standardwerk, in Deutschland allerdings nur in wenigen Universitätsbibliotheken auszuleihen, etwa der von Marburg. Die wohl größte Inspiration für meine Arbeit habe ich durch das Buch „Die Macht der Trunkenheit“ von Hasso Spode erhalten, einem Berliner Sozialhistoriker und profundem Kenner breiter geschichtlicher Zusammenhänge. Frau Professorin Vogt vom Fachbereich Sozialarbeit danke ich sehr, mir dieses Buch empfohlen zu haben.

Ich habe der besseren Lesbarkeit halber englische Zitate sorgfältig selber übersetzt und im Text mit „e.Ü.“, eigene Übersetzung, gekennzeichnet.

In einem Anhang habe ich neben der Liste der verwendeten Literatur auch eine Liste von Originalquellen erstellt, die in Sekundärliteratur (vor allem Kreutel) zitiert werden, und die ich im Text mit SQ bezeichne. In diesem „SQ-Verzeichnis“ kann der genaue bibliographische Titel zitierter Sekundärliteratur eingesehen werden, neben einer Angabe, in welchem Buch die Quelle genannt wurde. Außerdem findet man im Anhang neben der Literaturliste auch ein Personenregister, ein Abbildungsverzeichnis, und eine kleine Materialsammlung, auf die ich im Text gelegentlich Bezug nehme, indem ich in Klammern z.B. auf „Material: Homer“ verweise. Unter diesem Stichwort „Homer“ kann man dann etwa das im Text erwähnte längere Zitat aus Homers Odyssee finden.

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Griechenland - Die Heimat im östlichen Mittelmeer

K A P I T E L   E I N S

Z u r    G e s c h i c h t e   v o n   O p i u m


Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht?
Was hältst du unter deinem Mantel,
das mir unsichtbar kräftig an die Seele geht?
Köstlicher Balsam tropft aus deiner Hand,
aus dem Bündel Mohn

Novalis,
Hymnen an die Nacht, 1800

1.1 DIE ANTIKE

1.1.1 Griechenland - Die Heimat im östlichen Mittelmeer


„Die botanische Systematik kennt heute über 700 Arten der Gattung Mohn, der Spezies ‘Papaver’„ (Seefelder 1990:7), die in vielen leuchtenden Farben vorkommt und darum bei den Menschen sehr beliebt ist. Aus einer Wildform wurde „durch das einfache Verfahren der Auslese“ der Schlafmohn, Papaver somniferum, entwickelt (vgl. Seefelder 1990:7). „Als Stammpflanze ... gilt Papaver setigerum“ (Kreutel 1988:11f), „kleiner und zarter als der Schlafmohn“, die Blütenblätter „von trüb violetter Farbe“, mit schwarzen Samen (vgl. Hartwich 1911:144).

Schlafmohn wird aus drei Gründen angebaut: einmal als Zierpflanze, dann „zur Gewinnung des sehr ölhaltigen Samens des Mohns als Lebensmittel (‘Mohnkuchen’)“ (Geschwinde 1996:198), und zur Gewinnung des Milchsaftes der Kapsel (Opium) wegen seines Morphingehalts. Morphin kommt in den wilden Mohnarten nur „in äußerst geringen Mengen vor“ (vgl. Geschwinde 1996:200), bei Setigerum liegt der Morphingehalt höher (vgl. Hartwich 1911:145), bei Somniferum liegt der Gehalt sogar zwischen „6,8 bis etwa 20 Gewichts %“ des getrockneten Milchsafts (vgl. Geschwinde 1996:227). Morphin ist damit das wichtigste der etwa 25 Alkaloide des Opiums und wird in der Medizin heute vor allem als Analgetikum eingesetzt. Andere Alkaloide sind das Codein (0,5 3,5 Gew. %, Antitussivum und Analgetikum), das Narcotin (6 Gew. %, Antitussivum), das Papaverin (0,1 2 Gew. %, Spasmolytikum), das Thebain (Spasmolytikum) u.v.a. (vgl. Geschwinde 1996:227f, Hartwich 1911:195).

Die auf noch höheren Öl und Morphingehalt gezüchtete Somniferum Art trat zuerst „ins Licht der Geschichte im östlichen Mittelmeer, in Griechenland, in Kleinasien, auf Zypern und, schemenhaft, im Zweistromgebiet“ (Seefelder 1990:11).

Das Wort Mohn wanderte von Griechenland, wo es ‘mekon’ hieß, ins Russische (‘mak’), ins Deutsche (wo aus ‘mago’, althochdeutsch 9.Jh., allmählich ‘man’, und im 15.Jh. mit verdunkelndem Vokal ‘Mohn’ wurde), und ins Schwedische (‘vallmo’, altschwedisch ‘valmoghe’, mit der Vorsilbe ‘vale’= tiefer Schlaf, Betäubung) (vgl. Pfeifer 1997:883f, Seefelder 1990:19, Kreutel 1988:118).

Auch das Wort Opium entstammt der griechischen Sprache. Im antiken Griechenland wurde der Milchsaft der Pflanze allerdings noch nach der Pflanze als ‘Mekonion’ bezeichnet. Das Wort Opium kam erst im 1.Jh. n.Chr. auf und wird zuerst vom Römer Plinius d.Ä. erwähnt (vgl. Kritikos& 1967:6). ‘Opium’ ist eine Verkleinerungsform von griechisch ‘opos’ = Saft, Flüssigkeit (vgl. Kreutel 1988:11), man könnte es etwa mit ‘Säftlein’ oder auch ‘ein Tropfen’ übersetzen.

Ob Schlafmohn und Opium bereits dem mesopotamischen Kulturkreis (Sumerern, Babyloniern und Assyrern) bekannt waren, bleibt umstritten. Für das alte Ägypten ist nach neueren Untersuchungen recht klar, daß Opium bekannt war. Man fand etliche Vasen in Mohnkapsel Form mit vertikalen Streifen, imitierte Kapseleinschnitte darstellend, wie sie zur Opiumernte angebracht werden. Die Vasen stammen aus der Zeit ab 1550 v.Chr. „Untersuchungen haben eindeutig die Existenz von Opium Spuren in den Vasen ergeben.“ (Kreutel 1988:16) Falls ‘spn’ oder ‘shepen’ in alten ägyptischen Medizin Papyri also doch Opium bedeutet (wie lange umstritten), war es „Bestandteil von nicht weniger als 700 Arzneien“ (Selling 1989:277).

Unumstritten dagegen sind die Zeugen für Mohnkultivierung und Opiumverwendung im alten Griechenland. Hesiod erwähnt um 700 v.Chr. eine Stadt ‘Mekone’ auf dem Peloponnes, deren Name sich „von ausgedehnten Mohnkulturen in ihrer Umgebung ableitet“ (vgl. Kreutel 1988:20). Kritikos und Papadaki meinen, daß um diese Stadt auch besonders viele mohnbekränzte Götterbilder der Antike anzutreffen sind (vgl. Kritikos& 1967:10).

Vielleicht stammt die Kenntnis der Opiumverwendung aus Kleinasien oder Ägypten. Für letzteres spricht ein Zitat von Hesiods Zeitgenossen, dem Dichter Homer, um 710 v.Chr, aus seiner Odyssee (siehe Material: Homer). Das Zitat bezieht sich auf die Szene, als der Jüngling Telamachos, Odysseus’ Sohn, voller Verzweiflung von einer ergebnislosen Suche nach seinem verschollenen Vater zurückkehrt. Helena gab ihm daraufhin jenes Mittel Nepenthes, „Kummer zu tilgen und Groll und jeder Leiden Gedächtnis“. ‘Nepenthes’ setzt sich zusammen aus ‘ne’ = ‘nicht’, und ‘penthes’ = ‘Schmerz’.

Viele wollten nicht glauben, daß Nepenthes Opium sei und vermuteten andere Pflanzen oder Helenas Wirkung selbst. Lewin meint hierzu: „Es gibt nur einen Stoff auf der Welt, der so wirkt, und das ist Opium, der Träger des Morphin“ (Lewin 1927:56). „Deutungen mit anderem Ergebnis wurden von solchen gemacht, denen die hier entscheidende Opiumwirkung fremd war darunter Philologen und auch handwerkliche Fakultätsmänner“ (Lewin 1927:53).

Auch Kreutel meint: „Nach diesen Schilderungen kann kaum ein Zweifel bestehen, daß es sich bei dem ‘Vergessenheitstrank’ um Opium gehandelt hat. Es wird hier bereits als Rauschmittel beschrieben, als Psychopharmakon im modernen Sinne. Das Erlangen von Gleichgültigkeit stellt ein entscheidendes Wirkungsvermögen von Opium dar; denn der zu stillende Schmerz war geistiger Art. Die Verse erzählen auch, daß Opium über ägyptische Händler nach Griechenland eingeführt wurde“ (Kreutel 1988:20).

Noch viel älter als Homer und Hesiod ist ein Zeugnis, das aus der vorhellenischen Zeit stammt, nämlich aus der spätminoischen Kultur der Insel Kreta, aus der Zeit um 1300 v.Chr., und das 1936 bei Heraklion gefunden wurde. Es handelt sich um die Statue einer Frau, die von ihrem Entdecker Professor Marinatos die ‘Mohngöttin’ genannt wurde, denn sie trägt drei Schlafmohnstengel als Zierde auf ihrem Kopf (vgl. Abbildung 2, nächste Seite).

Das Besondere an den Kapseln sind die deutlich sichtbaren Einschnitte, wie sie zur Gewinnung von Opium angebracht werden. Der antike Künstler hat sogar die Kerben dunkler gefärbt, so daß es wie der ausgetretene, herabgelaufene und getrocknete Mohnsaft aussieht (vgl. Kritikos& 1967:23). Kritikos entdeckt noch mehr an der Göttin, die vielleicht auch eine Priesterin war: Sie „scheint ihre Augen geschlossen zu haben, als würde sie schlafen“; „die Passivität ihrer Lippen ist auch ein natürlicher Effekt der Opiumintoxikation“; und: „die Göttin scheint sich in einem Zustand der Betäubung zu befinden, wie er von Opium herbeigeführt wird; sie ist in Verzückung, Freude offenbart sich auf ihrem Gesicht, zweifellos verursacht durch die schönen Visionen, die in ihrer Vorstellung durch die Wirkung der Droge hervorgerufen werden“ (e.Ü., Kritikos& 1967:24).


Professor Kritikos und Papadaki, zwei griechische Pharmaziehistoriker, haben auch genau die mythische Symbolik der Mohnpflanze im antiken Griechenland untersucht. Zahlreiche Gottheiten wurden mit Mohnkapseln oder stengeln bekränzt dargestellt, vor allem: Hypnos (der Schlaf), Nyx (die Nacht) und Thanatos (der Tod).

Aber auch Apollo, Äskulap, Pluto, Demeter, Aphrodite, Kybele, Isis und andere wurden so portraitiert, oft auch mit Kornähren bei den Mohnsträußen (vgl. Kritikos& 1967:17). Auch auf vielen Alltags und Schmuckgegenständen wurden Mohnkapseln dargestellt.

Kritikos und Papadaki kommen zu dem Schluß, daß von den symbolischen Bedeutungen des Mohns für die antiken Griechen auf die Funktionen der Mohnpflanze für sie geschlossen werden kann:

„... in den Händen der prähistorischen Muttergöttinnen, landwirtschaftlicher Gottheiten, und teilweise den späteren Göttinnen Hera, Demeter und Aphrodite kann er [der Mohn] als symbolisch für Fülle, Wohlstand und Fruchtbarkeit betrachtet werden ... aufgrund des Öls von der Fülle der Samen ...

...In den Händen von Apollo, Äskulap und den Göttern der Medizin sind die Mohnkapseln ein klares Symbol für die Heilkraft der Pflanze ... In den Händen von Pluto, Persephone und den Göttern des Hades steht der Mohn, der auf Grabmälern porträtiert oder in Gräbern gefunden wurde, symbolisch für denTod ...

Von speziellem Interesse ist die symbolische Bedeutung der Mohnkapsel in den Händen von Aphrodite, der Göttin des Vergnügens und ... der Fruchtbarkeit“ (e.Ü., Kritikos& 1967:9f). Daraus schließen Kritikos und Papadaki, daß Opium im antiken Griechenland auch als Euphorikon benutzt wurde, für „Vergnügen und, im erweiterten Sinne, Fruchtbarkeit“. Der „Gebrauch von Schlafmohn und Opium war in den Regionen am weitesten verbreitet, wo Aphrodite am meisten verehrt wurde (Zypern, Korinth, Mekone oder Sykion) ...“ (e.Ü., Kritikos& 1967:10).

Aber nicht nur bei griechischen Dichtern und Kultbildern spielten Mohn und Opium eine Rolle, auch Ärzte und Naturwissenschaftler beschäftigten sich damit. Kritikos und Papadaki, die am gründlichsten recherchierten, nennen zwanzig antike Autoren insgesamt, darunter Hippokrates (460 377? v.Chr.), Aristoteles (384 322 v.Chr.) und Theophrastus (372 287 v.Chr.) (vgl. Krtikos& 1976:19ff). Den meisten griechischen Ärzten waren die Wirkungen des Opiums heilsame und todbringende im Großen und Ganzen wohlbekannt. Nur wenige Ärzte aber warnen vor einer Anwendung, und die abhängigkeitserzeugende Wirkung der Substanz bleibt gänzlich unerwähnt.

Besondere Hoffnungen hätten in der letzten Hinsicht auf Diagoras von Melos (bzw. Milet) gesetzt werden können, von dem Seefelder schreibt: „Diagoras aus Melos (5.Jahrhundert vor Christus) ... war wohl der erste Arzt, der zwei Eigenschaften des Opiums beschrieb, die über die medizinische Anwendung hinausweisen, nämlich, daß es zu immer neuer Verwendung verführe und dem, der ihm hörig sei, den Sinn für die Wirklichkeit raube“ (Seefelder 1990:34). Auch Kupfer erwähnt Diagoras in dieser Beziehung: Diagoras „warnte ... wegen der erheblichen Suchtgefahr“ (vgl. Kupfer 1996b:14).

Diagoras wird von Plinius d.Ä. und von Dioskurides erwähnt. „Plinius d.Ä. sagt, daß sowohl Diagoras als auch Epistratos den Gebrauch von Opium bei Ohrenschmerzen zurückwiesen, weil sie es als starkes Gift betrachteten“ (e.Ü., Kritikos& 1967:20).

Bei Dioskurides heißt es: „Diagoras erwähnt, daß Erasistratos den Gebrauch von Opium für Ohrenschmerzen und Augenleiden mißbilligt, weil es die Sicht trübt und ein Narkotikum ist“ (e.Ü., Wellmann 1958: IV,64.6) (vgl. auch Material: Diagoras. Ein interessantes Beispiel einer wissenschaftlichen Legendenbildung.)

Diagoras (oder Epistratos oder Erasistratos) hatten also nichts von „Hörigkeit“ oder „erheblicher Suchtgefahr“ gesagt, sondern nur vor dem Gebrauch von Opium für einige Leiden gewarnt, weil es ein Narkotikum sei. Der Sinn der Warnung lag wohl darin, daß ein nur Schmerz betäubendes (=narkotisierendes) Mittel, das die Ursache des Augen oder Ohrenleidens aber nicht bekämpft, für den Patienten fatale Folgen haben kann, etwa Taubheit oder Blindheit. Jedenfalls rechtfertigt die Verwendung des Wortes ‘Narkotikum’ noch nicht die Aussage von Seefelder oder Kupfer.

Diagoras ist der einzige Arzt der Antike, von dem eine ‘Warnung vor Suchtgefahr’ des Opiums behauptet wird. Diese Behauptung hält aber näherer Betrachtung nicht stand und scheint eher ein Ausdruck der Hilflosigkeit angesichts des Fehlens solcher Warnungen zu sein.

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Rom - Das Gegengift und der Philosophenkaiser

1.1.2 Rom - Das Gegengift und der Philosophenkaiser

Der griechische König von Pontus, Mithridates VI. Eupator (123 63 v.Chr.), entwickelte ein Gegengift: „Es setzte sich zeitweise aus 40 bis 50 Stoffen zusammen, deren wichtigster das Opium war. Seine Rezeptur gelangte in die Hände des römischen Feldherrn Pompejus (106 48 v.Chr.), als dieser Mithridates im Jahre 66 v.Chr. besiegte, und wurde so ... Gut der römischen Materia medica“ (Kreutel 1988: 28f).

Dieses ab etwa 60 n.Chr. ‘Theriak’ genannte Gegengift erfreute sich in Rom größter Beliebtheit und blieb bis in die Neuzeit das wichtigste opiumhaltige Mittel Europas. „Manche Theriake waren unappetitliche Mischungen, die oft viele tierische Zutaten enthielten ...: Blut von Enten, Galle von Bären, Flußkrebse und so weiter“ (Seefelder 1990:45). Ursprünglich auch gegen Schlangenbisse entwickelt, wurde bald Schlangenfleisch eine seiner Hauptbestandteile.

Die Wirkung des Theriak als Gegengift beruhte auf dem vermuteten Prinzip einer allmählichen Immunisierung gegen ein Gift durch ständige Einnahme einer geringen Menge desselben. Opium und Theriak wurden natürlich auch in Rom noch als Heilmittel gegen Krankheiten gebraucht, jedoch tritt der Gebrauch als Antidot in den Vordergrund.

Die römische Gesellschaft in der Kaiserzeit war offenbar „... eine Gesellschaft, die ebenso gern mordete, wie sie Angst hatte, umgebracht zu werden“ (Seefelder 1990: 44; vgl. auch Lewin 1920!). Mithridat und Theriak „... fanden eine ungeheure Verbreitung ... viele Menschen [nahmen] dieses verwegene Gemisch tagtäglich. ... Der Wein schmeckte nicht mehr wie Wein, er schmeckte penetrant nach Opium, das der Hauptbestandteil des Antidots war“ (Seefelder 1990:44f).

„Nero soll täglich so große Mengen davon zu sich genommen haben, daß ein Ungeübter dies nicht überstanden hätte. ... Titus wird da erwähnt [bei Galen], der nur zwei Jahre auf dem Thron saß und möglicherweise einer Überdosis von Opium zum Opfer fiel, dann Nerva, Trajan, Hadrian. Von Hadrian sagt man, er habe den Kummer über den Freitod seines über alles geliebten Knaben Antonious im Opium Rausch eingeschläfert“ (Seefelder 1990:46f).

Seefelder meint, daß es sich „... schlicht um Opium Sucht handelte, der die römische Gesellschaft mehr und mehr verfiel“ (Seefelder 1990:45). Jedoch: „Bemerkenswert bleibt, daß trotz des ausgiebigen Gebrauchs von Theriak kaum ein Fall von Sucht oder Abhängigkeit beschrieben wird“ (Kreutel 1988:29).

Ein Beispiel gibt es immerhin für Opiumabhängigkeit in Rom, das einer genaueren Betrachtung wert ist: den Fall des römischen Kaisers Marc Aurel (121 - 180).

Marc Aurels Arzt war der große Galen (129 - 199), griechischer Arzt in Rom, der Begründer der Säftelehre und wohl bis in die Neuzeit der einflußreichste Medizinlehrer. Er schreibt über seinen kaiserlichen Patienten: „Von Antoninus [Marc Aurel] wissen wir, daß er es [den Theriak] zu seiner Immunisierung täglich in der Menge einer ägyptischen Bohne einnahm ... Als es sich dabei ergab, daß er über seinen täglichen Geschäften benommen einnickte, ließ er den Saft des Mohns weg. Das hatte wiederum, wegen der vorherigen Gewöhnung, die Folge, daß er den größten Teil der Nacht schlaflos blieb, da seine Konstitution eher trocken war und er ein trockenes Mittel seit langem einnahm. Darum sah er sich gezwungen, auch vom Opiumhaltigen wieder zu nehmen“ (cit. in Seefelder 1990:50f).

War Marc Aurel ein Süchtiger? „Der Kaiser hat immer den Ruf gehabt, ein großer stoischer Denker gewesen zu sein ... Er gilt eher als ein Philosoph denn ein militärischer Führer. ... Aus seiner Lebensgeschichte wissen wir, daß, während er sich im Feldlager aufhielt, seine Gattin Faustina in Rom das liederlichste Leben führte. ... Indes, diese Nachrichten schienen den Kaiser kaum zu berühren. Half da nun die ‘stoische Ruhe’ des Philosophen oder haben wir es mit der Stumpfheit eines Opiumsüchtigen zu tun?“ (Seefelder 1990:51).

Africa, ein amerikanischer Historiker, der den Fall Marc Aurels am genauesten untersuchte, glaubt es: „Das Zeugnis seines Arztes und seine eigenen Tagebücher legen nahe, daß eine Mauer von Narkotika den Kaiser von familiären Problemen und allen, außer öffentlichen, Schwierigkeiten abschirmte“ (e.Ü., Africa 1961:97). - Dio Cassius berichtet vom Donau Feldzug des Kaisers: „Er konnte die Kälte nicht ertragen und auch nicht, zu den versammelten Truppen zu sprechen, und er aß sehr wenig, und nur nachts. Während des Tages nahm er nichts zu sich außer der Droge, die Theriak genannt wird ... Man sagt, daß diese Gewohnheit es ihm möglich machte, diese und andere Dinge zu ertragen“ (e.Ü. ‘Dio 71.6.3 4’, cit. in Africa 1961:99).

Africa glaubt, daß eine starke Introvertiertheit und ein großer Weltekel Ursache für des Kaisers Sucht gewesen sind. Er gibt Auszüge aus Marc Aurels Tagebüchern wieder (alle Zitate und Kurz-Quellennennung in: Africa 1961:100, e.Ü.).

Marc Aurel schrieb, die Summe allen Lebens sei ein „schmutziges Badewasser“ (MA VIII.24). „Beeile dich, Tod, sonst vergesse auch ich mich“ (MA IX.3). „Falschheit, Krieg, Angst, Betäubung und Sklaverei haben meinen heiligen Glauben zerfressen“ (MA X.9). Marc Aurel „lag oft verzweifelt im Bett“ (MA X.28), „der Schlaf war eine willkommene Zuflucht für den inneren Flüchtling“ (Fronto ad Caes. I.4), „der es haßte, aufzustehen, weil er der warmen Bettdecke den Vorzug gab davor, lasterhafte und vulgäre Menschen treffen zu müssen“ (vgl. MA V.1 und II.1).

Marc Aurels „von Galen überlieferte ‘Krankengeschichte’ [ist] die erste und eventuell einzige eines Opiumabhängigen in der Antike“ (Kreutel 1988:32).

Unter Marc Aurels Adoptivsohn und „Nachfolger Commodus brach der Drogenmarkt zusammen, weil der neue Kaiser den Theriak grundsätzlich ablehnte“ (Seefelder 1990:51) und ihn verbot. Vielleicht deshalb, weil er die Wirkungen der Droge an seinem Adoptivvater hatte studieren können. Commodus’ Nachfolger Severus dann „gab Opium für den allgemeinen Gebrauch“ wieder frei (vgl. Seefelder 1990: 52).

Wie es schon vorher um den Opiummarkt bestellt war, verdeutlicht ein Zitat von Scribonius Largus aus dem 1.Jahrhundert n.Chr. „Allein die Zunft der Gewürzhändler hatte sechs Untergruppen, von denen mindestens zwei mit Opium handelten: die ‘pigmentarii’ und die ‘unguentarii’, also die Farb und die Salbenhändler. Aber gerade diesen pigmentarii war nicht zu trauen. Jedenfalls sagt Scribonius Largus dazu: „Es ist wichtig, echtes Opium zu verwenden, das aus der Milch des Mohns gewonnen wird, nicht aus dem Saft der Blätter, wie es die pigmentarii des Gewinnes halber tun“„ (Seefelder 1990:43).

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Christentum und Islam

1.2 DAS   MITTELALTER


1.2.1 Christentum und Islam


Mit dem Niedergang Roms und dem gleichzeitigen Aufstieg der christlichen Kirche begann eine Zeit der Repression. „Die offizielle Einstellung zum Opium zeigt der Erlaß des Papstes im 5.Jahrhundert, der den Gebrauch des Opiums untersagt, außer für medizinische Zwecke. Dem folgt die Anweisung Karl des Großen an seine Meierhöfe, wo er im ‘capitulare de villis’ mit Bezug auf den Mohnbau sagt, daß der Mohnbau ein Werk des Satans sei, und alle, die ihn berühren, als Hexer und Giftmischer verurteilt werden sollen“ (Seefelder 1990:56).

Es lag eben „... im Verständnis der christlichen Lehre, daß Leiden nicht geheilt und Schmerzen nicht gestillt, sondern ertragen werden sollten“ (Seefelder 1990:97). Theriak und Mohn verschwanden aber doch nicht ganz aus dem frühmittelalterlichen Europa. So habe etwa Abel, Patriarch von Jerusalem, König Alfred dem Großen (gest.901) Theriak als Geschenk übersandt für die „innere Ausgeglichenheit“, laut einer sächsischen Buchabschrift (vgl. Seefelder 1990:97).

Um 950 soll sich auch folgendes zugetragen haben: zwei Heilkundige, ein Bischof und ein Mönch, trugen am Hof König Ludwigs IV. von Frankreich einen heftigen Disput aus. Der Mönch zog den Kürzeren und wollte den Bischof aus Wut vergiften. „Der Bischof aber nahm Theriak, genas und vergiftete nun seinerseits den Salernitaner“ (Seefelder 1990:97).

Der Mönch Walahfrid Strabo erwähnt 827 in seinem ‘Gärtlein’-Buch (‘hortulus’) im Kapitel 15 den Mohn, den die Göttin Demeter, „... die über den Raub ihrer Tochter betrübt war, gegessen habe, um im ersehnten Vergessen Befreiung von ihren unendlichen Sorgen zu erhalten“ (SQ Walahfrid 1510: Tit.XV).

„Vom 11.Jahrhundert an kehrte das Wissen der griechischen Ärzte in das Abendland zurück, und zwar auf dem Umweg der Überlieferung der arabischen Medizin“ (Seefelder 1990:97). Das in den alten Bibliotheken, etwa der von Alexandria, erhalten gebliebene Wissen der Antike wurde von den moslemischen Eroberern nicht vernichtet oder voll Mißtrauen betrachtet wie im christlich und feudal gewordenen Europa, sondern begierig aufgesogen und weiterentwickelt. Erkenntnis und Naturwissenschaft standen in der Blütezeit des Islam hoch im Kurs.

Über die Grenzgebiete zum Islam kehrte das alte und weiterentwickelte Wissen dann allmählich nach Europa zurück. Zu denken wäre an Friedrich II. in Palermo, an Byzanz und an das islamische Spanien, wo vor allem die Juden des Landes als Mittler zwischen islamischer und christlicher Kultur wirkten.

Hildegard von Bingen (1098-1179) bezieht sich schon wieder teilweise auf Galen (vgl. Kap. 1.1.2), wenn sie schreibt: „Der Mohn ist kalt und etwas feucht, die Samen bewirken Schlaf und drängen die Geilheit zurück“ (SQ Hildegardis 1959:36).

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Die Schule von Salerno

1.2.2 Die Schule von Salerno

Salerno, eine Stadt südlich von Neapel, „...wo sich einst die griechische und römische Kultur berührten...“, war nun eine „Berührungsstelle von islamischer und christlicher Kultur ...“ und wurde der Sitz für die „... erste abendländische Hochschule ..., die eine universale Ausstrahlung hatte, besonders in der Medizin“ (Seefelder 1990:98). Diese Medizinschule wurde später hochgelobt als eine „erfrischende Oase aus dem unerquicklichen Wüstengrunde ... zwischen den beiden Einöden der Mönchsmedizin und der Medizin der Scholastik“ (cit. in Seefelder 1990:98f).

Constantinus Africanus (um 1050) lehrte hier, „der vormals in Karthago mit Drogen gehandelt hatte“ und später zum christlichen Glauben konvertierte (vgl. Seefelder 1990:98).

Mathaeus Platearius (um 1140), ein Gelehrter dieser Schule, teilt Schlafmohn richtig in weißsamigen und schwarzsamigen ein, und schreibt: „Die salernitanischen Mütter geben ihren Kindern gepulverten weißen Mohn mit der ersten Milch; den schwarzen darf man hier nicht verwenden, da er allzu sehr betäubt“ (SQ Platearius 1939:92f, Übers. bei Kreutel 1988:37).

Das „Antidotarium Nicolai“, um 1150 geschrieben und ebenfalls aus Salerno stammend, „... führt 140 Präparate auf, wovon 29 Opium enthalten“ (Seefelder 1990:101, vgl. auch Kreutel 1988:37). Johannes von Saint Amand (gestorben vor 1313) kommentiert das Antidotarium Nicolai in seinen „Areolae“ und warnt: Opium mache nicht nur schlafend, als Narkotikum könne es auch den Intellekt und die Sinnestätigkeit zerstören: „Opium facit dormire quia est frigidum narcoticum et destruit intellectum et sensum ...“ (SQ Johannes 1893:24). ‘Destruit intellectum et sensum’ das ist exakt die gleiche Formulierung wie bei dem persisch-arabischen Arzt Ibn Sina (oder Avicenna, wie er in Europa genannt wurde) drei Jahrhunderte früher (vgl. Kap. 1.3.1). Johannes weiß auch, daß Opium eine Wirkung hervorruft, die der Betrunkenheit ähnlich („similem ebrietati“) ist (vgl. Kreutel 1988:39).

Das Breslauer Arzneibuch um 1320 mahnt, Opiumzubereitungen nur „mit grozer bescheidenheit“ zu geben, andernfalls würden sie schaden; denn der „opiatum nutze ist maniger slachte“ (SQ Breslauer Arzneibuch 1908:101; vgl. Kreutel 1988:40).

Opium war auch bald wieder begehrte Handelsware: „Der Theriak, vor allem derjenige venezianischer Provenienz, stellte schon vom 13.Jahrhundert an als ‘Fertigarznei’ ein beliebtes Handelsgut dar und blieb bis zum 18.Jahrhundert das Allheilmittel schlechthin“ (Schmitz 1982:652). „Zusammen mit Venedig galt Nürnberg als führend in der Herstellung eines der angesehensten Allheilmittel des Mittelalters, des opiumhaltigen Theriak. Der für die Stadt bedeutende Handelsartikel wurde bis 1754 unter großem Aufwand und Anteilnahme der Öffentlichkeit auf dem Marktplatz zubereitet“ (Schmitz 1982:656).

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Berichte östlicher Ärzte um 1000

1.3 DER  ORIENT

1.3.1 Berichte östlicher Ärzte um 1000


Wie bereits dargestellt (vgl. 1.2.1), fanden Opium und Theriak vor allem über islamische Ärzte zurück ins mittelalterliche Europa. Auch an dem Wort ‘Opium’ und seiner Ausbreitung in Asien kann man gut die Bedeutung des Islam erkennen und die Wege nachvollziehen, die das Opium nahm. ‘Ap yun’ heißt die Droge im Arabischen, im Hebräischen ‘ophion’ (vgl. beides Kreutel 1988:68), ‘afion’ im Türkischen, ‘afiuum’ im Persischen, ‘aphuka’ in indischen Sprachen, und ‘afuyong’ im Chinesischen (diese vier vgl. Seefelder 1990:21). Die sprachliche Ausbreitung des Wortes Opium in Asien geschah eindeutig im Gefolge der arabischen Kaufleute und Missionare des Islam.

Vielleicht ist das Opium als Theriak auch schon etwas früher im östlicheren Asien bekannt geworden, und zwar durch heute fast vergessene Religionsflüchtlinge, wie den Manichäern (frühchristlich gnostisch altiranische Mischlehre), oder den christlichen Nestorianern (der Hauptkirche 431 in Ephesos unterlegen). Marco Polo fand noch viele Nachfahren jener Auswanderer entlang der alten Seidenstraße in Zentralasien (vgl. Seefelder 1990:59). Nestorianer und Manichäer missionierten, nicht erfolglos, auch in Indien und China.

Vielleicht brachten diese schon Schlafmohn und Theriak mit in ihre neuen Siedlungsgebiete, denn in China taucht schon 659 „eine Substanz mit dem Namen ‘ti yeh chia’ = Theriak“ auf (vgl. Kreutel 1988:86). Erst „1596 erscheint erstmals ‘a fu yong’ (Opium) in einem drogenkundlichen Werk Chinas“ (Kreutel 1988:87). In Persien heißen Opiumesser heute immer noch ‘tiriaki’ (vgl. Kreutel 1988:70).

Den islamischen Ärzten (die Perser hatten hier eine Rolle ähnlich der Griechen im Römerreich) war jedenfalls Opium wohlbekannt. Razi (oder Rhazes, 865 925) nennt die genaue Dosis, die nötig ist, „um innerhalb von zwei Tagen den Tod herbeizuführen: ... zwei dirham = 6,246 g“ (Kreutel 1988:33) und beschreibt detailliert die Vergiftungssymptome. Außerdem bemerkt Razi, „...daß alle inneren Organe nach dem Gebrauch von Opium danach riechen. Das sind Erscheinungen, die doch nur bei ganz anhaltendem, also gewohnheitsmäßigem Gebrauch auftreten“ (Hartwich 1911: 153).

Ibn Sina (oder Abu Sina, 980-1037), „dessen Stern unter dem Namen Avicenna auch in das Abendland hinüberstrahlt“ (Seefelder 1990:63), wurde zum Dank für eine Opiumbehandlung des Emirs von diesem in den Wesirstand erhoben (vgl. Seefelder 1990:64). Avicenna sagte, Opium sei ein beruhigendes Narkotikum von kalter und trockener Qualität und „... bestehe aus solchen Stoffen, die den Geist und den Sinn zerstören“ („... est ex eis que destruunt intellectum et sensum“, SQ Avicenna 1507:139, vgl. Kreutel 1988:34). Fast die gleiche Formulierung wie bei Johannes St. Amand 300 Jahre später (vgl. 1.2.2), und die erste überlieferte, die derart fatale Folgen des Opiums erwähnt!

Ein Zeitgenosse Avicennas, al Biruni (973-1048), gibt „eine genaue Beschreibung der Gewinnung von Opium“ (Kreutel 1988:34) und führt dann aus: „In Mekka gewöhnen sie sich daran, indem sie mit kleinen Dosen anfangen, und sie dann steigern, bis hin zu tödlichen. Sie nehmen es täglich, um ihre Not zu vertreiben [=to eliminate distress], um den Körper von den Wirkungen der Hitze zu erleichtern, um einen langen und tiefen Schlaf zu sichern, und sich von überflüssigen Säften zu reinigen“ (e.Ü., SQ Hamarneh 1970:34) „Diese Beschreibung Birunis dürfte die erste genaue Schilderung eines Sucht bzw. Toleranzphänomens sein, die bislang je in einer Sprache erschien“ (Kreutel 1988:35).

Mekka hat bis heute durch seine Rolle als millionenfach besuchte Pilgerstadt eine kulturelle Multiplikatorfunktion sondergleichen in der islamischen Welt (vgl. Seefelder 1990:77).

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